Der
Preisträger 2006

Uwe Görke – ein kleiner Kämpfer in der Provinz
Vor 14 Jahren wollte Uwe Görke seinem Leben ein Ende setzen. Bevor es
die Krankheit tun würde.
Die Krankheit, das ist das HI-Virus, das der
41-Jährige seitdem in sich trägt. Und gegen dessen Verbreitung er seit
vielen Jahren kämpft. Nicht nur in seinem eigenen Körper.
Damals, das war 1991. Uwe Görke hat, als er von seiner HIV-Infektion
erfuhr, doch noch die Kurve gekriegt, wie er sagt. Er nahm sich nicht
das Leben, sondern bekannte sich öffentlich zu "Tim", wie der Tim- und
Struppi-Fan das Virus fast liebevoll nennt.
Anfangs noch offensiv-kämpferisch. "Tim und ich, wir werden 114 Jahre
alt", verkündete er selbstbewusst via Fernseher in zahllosen deutschen
Wohnzimmern. Talkmaster waren begeistert: Endlich einer, der über HIV
und Aids spricht. Aber dann kam der körperliche Zusammenbruch und damit
auch die Ernüchterung.
Heute hat sich Uwe Görke ganz seiner Aufgabe verschrieben.
"Privataidsaktivist" nennt er sich. Von sich selbst spricht er als
"aufdringlich und radikal". "Ich sehe mich als kleinen Kämpfer für mehrÖffentlichkeit in der Provinz", sprudelt es aus ihm heraus. In seinem Oonline-Tagebuch (www.uwegoerke.de) beschreibt
er die guten und ungeschönt auch die schlechten Phasen seiner
HIV-Infektion. Dass er homosexuell ist, daraus macht er dabei keinen Hehl.
"Manch einem bin ich aber wohl zu offen. Ein 22-jähriger, selbst
ebenfalls Betroffener, fragte mich neulich ziemlich vorwurfsvoll, wie
ich meine Situation so öffentlich machen könne."
Bis zu seinem 18. Lebensjahr war das Kinderheim in Menden Uwe Görkes zu
Hause. Hier besuchte er auch die Schule. Später ging er nach Hemer zum
Bund, lebte in Iserlohn, zog mit Anfang 20 zurück nach Menden. Nach dem
Zusammenbruch musste der damals 32-Jährige seine Arbeit in Köln
aufgeben. Den Kontakt zur Großstadt brach er ab, sein Leben begrenzt
sich fortan überwiegend auf seine 63-Quadratmeter-Wohnung in Schwerte/Holzen, wo er heute noch lebt.
"So ein Tag kann verdammt lang werden", weiß der 41-Jährige. Deshalb sei
das Tagebuch und der Kontakt zu anderen Infizierten, die mit ihrer
Krankheit weniger offensiv umgehen, für ihn so wichtig. Genauso wie die
Aufklärungsarbeit. Auf Einladung von Schulen spricht Uwe Görke mit
Jugendlichen über HIV und Aids und über die Möglichkeiten, sich vor
einer Infektion zu schützen. Alles ehrenamtlich. Die Prognosen der Ärzte
hat er inzwischen überlebt. Die gaben ihm 1991 noch zehn Jahre. "Ich bin
ein Typ, der alles raus redet. Vielleicht lebe ich deshalb noch."
Dank Medikamenten hat Uwe Görke den "Tod auf Raten bekommen", wie er
sagt. Die Zahl der Viren wird durch die Wirkstoffe in den Pillen -
zurzeit zehn Stück am Tag - im Blut unter die Nachweisgrenze gedrückt.
Statt Salat und Möhren füllen Tablettenschachteln die Gemüseschale
seines Kühlschrankes. Dennoch hat für ihn die Krankheit nichts von ihrem
Schrecken verloren. Umso weniger kann er deshalb Sprüche wie diese
nachvollziehen: "Aids ist doch nicht mehr schlimm, es gibt ja
mittlerweile Pillen dagegen".
Gegen das Kleinreden, das Verharmlosen von Aids, dagegen wehrt sich Uwe
Görke vehement. Da nimmt er kein Blatt vor den Mund, eckt an, macht sich
manches Mal unbeliebt. "Aber es ist doch wichtig, die Dinge beim Namen
zu nennen. Aids wird nicht beim Kaffeetrinken übertragen, sondern beim
Sex", wettert er. In den Fußballstadien in Dortmund, Duisburg, Köln
entrollte er ein "Red Ribbon", eine Fahne mit roter Schleife und dem
Spruch "Aids ist auch hier im Stadion".
Aber da sind auch die Momente, in denen Uwe Görke sich maßlos freut. Im
vergangenen Jahr erlebte er so einen. Die Stadt Schwerte verlieh ihm in
der katholischen Akademie die Stadtmedaille für besonderes
ehrenamtliches Engagement. "Das hat mich als Mensch bestätigt und mir
das Gefühl gegeben, dass meine Arbeit ernst genommen wird." Das wiege
manchen Frust auf. Menschen, die er für Freunde hielt, wandten sich ab,
als sie von der Infektion erfuhren. Andere gewann er neu hinzu. "Die
wahre Freunde zeigen sich", schildert er seine Erfahrungen der
vergangenen Jahre.
Inzwischen, sagt er, hält er den Kopf für viele Geschichten von Menschen
hin, macht sie in seinem Namen öffentlich. "Im Laufe der Jahre habe ich
viel Verantwortung übernommen", bilanziert Görke. Und immer häufiger
sagt er sich: "Du hast einfach keine Zeit zu sterben."