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Uwe Görke – ein kleiner Kämpfer in der Provinz

Vor 14 Jahren wollte Uwe Görke seinem Leben ein Ende setzen. Bevor es die Krankheit tun würde.

Die Krankheit, das ist das HI-Virus, das der 41-Jährige seitdem in sich trägt. Und gegen dessen Verbreitung er seit vielen Jahren kämpft. Nicht nur in seinem eigenen Körper.

Damals, das war 1991. Uwe Görke hat, als er von seiner HIV-Infektion erfuhr, doch noch die Kurve gekriegt, wie er sagt. Er nahm sich nicht das Leben, sondern bekannte sich öffentlich zu "Tim", wie der Tim- und Struppi-Fan das Virus fast liebevoll nennt.

Anfangs noch offensiv-kämpferisch. "Tim und ich, wir werden 114 Jahre alt", verkündete er selbstbewusst via Fernseher in zahllosen deutschen Wohnzimmern. Talkmaster waren begeistert: Endlich einer, der über HIV und Aids spricht. Aber dann kam der körperliche Zusammenbruch und damit auch die Ernüchterung.

Heute hat sich Uwe Görke ganz seiner Aufgabe verschrieben.
"Privataidsaktivist" nennt er sich. Von sich selbst spricht er als
"aufdringlich und radikal". "Ich sehe mich als kleinen Kämpfer für mehrÖffentlichkeit in der Provinz", sprudelt es aus ihm heraus. In seinem Oonline-Tagebuch (www.uwegoerke.de) beschreibt
er die guten und ungeschönt auch die schlechten Phasen seiner
HIV-Infektion. Dass er homosexuell ist, daraus macht er dabei keinen Hehl.

"Manch einem bin ich aber wohl zu offen. Ein 22-jähriger, selbst
ebenfalls Betroffener, fragte mich neulich ziemlich vorwurfsvoll, wie ich meine Situation so öffentlich machen könne."

Bis zu seinem 18. Lebensjahr war das Kinderheim in Menden Uwe Görkes zu Hause. Hier besuchte er auch die Schule. Später ging er nach Hemer zum Bund, lebte in Iserlohn, zog mit Anfang 20 zurück nach Menden. Nach dem Zusammenbruch musste der damals 32-Jährige seine Arbeit in Köln aufgeben. Den Kontakt zur Großstadt brach er ab, sein Leben begrenzt sich fortan überwiegend auf seine 63-Quadratmeter-Wohnung in Schwerte/Holzen, wo er heute noch lebt.

"So ein Tag kann verdammt lang werden", weiß der 41-Jährige. Deshalb sei das Tagebuch und der Kontakt zu anderen Infizierten, die mit ihrer Krankheit weniger offensiv umgehen, für ihn so wichtig. Genauso wie die Aufklärungsarbeit. Auf Einladung von Schulen spricht Uwe Görke mit Jugendlichen über HIV und Aids und über die Möglichkeiten, sich vor einer Infektion zu schützen. Alles ehrenamtlich. Die Prognosen der Ärzte hat er inzwischen überlebt. Die gaben ihm 1991 noch zehn Jahre. "Ich bin
ein Typ, der alles raus redet. Vielleicht lebe ich deshalb noch."

Dank Medikamenten hat Uwe Görke den "Tod auf Raten bekommen", wie er sagt. Die Zahl der Viren wird durch die Wirkstoffe in den Pillen - zurzeit zehn Stück am Tag - im Blut unter die Nachweisgrenze gedrückt. Statt Salat und Möhren füllen Tablettenschachteln die Gemüseschale seines Kühlschrankes. Dennoch hat für ihn die Krankheit nichts von ihrem Schrecken verloren. Umso weniger kann er deshalb Sprüche wie diese nachvollziehen: "Aids ist doch nicht mehr schlimm, es gibt ja mittlerweile Pillen dagegen".

Gegen das Kleinreden, das Verharmlosen von Aids, dagegen wehrt sich Uwe Görke vehement. Da nimmt er kein Blatt vor den Mund, eckt an, macht sich manches Mal unbeliebt. "Aber es ist doch wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Aids wird nicht beim Kaffeetrinken übertragen, sondern beim Sex", wettert er. In den Fußballstadien in Dortmund, Duisburg, Köln entrollte er ein "Red Ribbon", eine Fahne mit roter Schleife und dem Spruch "Aids ist auch hier im Stadion".

Aber da sind auch die Momente, in denen Uwe Görke sich maßlos freut. Im vergangenen Jahr erlebte er so einen. Die Stadt Schwerte verlieh ihm in der katholischen Akademie die Stadtmedaille für besonderes ehrenamtliches Engagement. "Das hat mich als Mensch bestätigt und mir das Gefühl gegeben, dass meine Arbeit ernst genommen wird." Das wiege manchen Frust auf. Menschen, die er für Freunde hielt, wandten sich ab, als sie von der Infektion erfuhren. Andere gewann er neu hinzu. "Die wahre Freunde zeigen sich", schildert er seine Erfahrungen der
vergangenen Jahre.

Inzwischen, sagt er, hält er den Kopf für viele Geschichten von Menschen hin, macht sie in seinem Namen öffentlich. "Im Laufe der Jahre habe ich viel Verantwortung übernommen", bilanziert Görke. Und immer häufiger sagt er sich: "Du hast einfach keine Zeit zu sterben."

   
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